„Da wächst sich gar nichts aus“

94 Prozent aller gebärfähigen Frauen konsumieren regelmäßig Alkohol. Dass das Trinken während einer Schwangerschaft bei Weitem unterschätzt wird, kritisiert Dr. med. Bernd Holthaus, Chefarzt der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe am St. Elisabeth-Krankenhaus in Damme (Landkreis Vechta), im Interview:

„Ein Gläschen in Ehren…kann niemand verwehren!“ Nicht wenige schwangere Frauen glauben das auch, wenn jetzt der Stoppelmarkt in Vechta beginnt. Was sagt da der Frauenarzt dazu?

Das klingt niedlich und verharmlosend, ist aber falsch. Frauen schätzen die Gefahr des Alkoholkonsums in der Schwangerschaft falsch ein.

Inwiefern?
Die Schwierigkeit beim Alkohol ist, dass er in jeder Phase über den Mutterkuchen, die Plazenta, auf das Ungeborene übertragen wird. Bei manchen kann ein einziges Glas Sekt Schädigungen hervorrufen, bei anderen ist dies weniger der Fall.

Steckt man da wissenschaftlich noch in den Kinderschuhen?

Nein, die Gefahr ist ganz klar benannt. Sie wird in der Öffentlichkeit nur zu wenig wahrgenommen. Was man in der Tat nicht weiß, ist, warum eine gleiche Menge Alkohol für das Kind der einen Frau stärkere, für das der anderen Frau schwächere Schädigungen zur Folge hat. Aber Alkohol wirkt immer toxisch, also vergiftend, vor allem auf die Gewebsstrukturen beim Kind, die eine hohe Zellteilung haben: Das sind vor allem das das zentrale Nervensystem.

Von welchen Zahlen reden wir überhaupt?
In Deutschland werden pro Jahr gut 5.000 Kinder mit einem sogenannten ‚Fetalen Alkoholsyndrom‘ (FAS) geboren. 50 Prozent von ihnen haben das volle Erscheinungsbild mit körperlichen Auffälligkeiten. Die zweite Hälfte hat das ‚partielle fetale Alkoholsyndrom‘(pFAS), also keine körperlichen, sondern nur neuro-psychologisch feststellbare Symptome, die sich in unruhigem Verhalten, Konzentrationsschwierigkeiten und Hirnleistungsstörrungen äußern

Macht es einen Unterschied, ob die werdende Mutter am Anfang der Schwangerschaft Alkohol trinkt oder am Ende?

Die Gefahr bei Alkohol in den ersten 12 Wochen ist zusätzlich die, dass er eher zu einer Fehlgeburt führen kann. Trinke ich ihn später, kann es zu den beschriebenen Organschädigungen des Kindes kommen. Da ist es dann egal, ob er in der 16. Woche oder 36. Woche getrunken wird.

„Das wächst sich bei den Kindern schon aus“, ist manchmal zu hören…

Nein, da wächst sich gar nichts aus. Wenn das Kind das vollausgeprägte ‚Fetale Alkoholsyndrom‘ entwickelt, dann kann man es nur durch frühkindliche Unterstützung und Förderung in der Ausprägung  vermindern

Was raten Sie also den Frauen, die wissen, dass sie schwanger sind, und denen, die es schon sind, aber selbst noch gar nicht wissen?

Das Sicherste in einer Schwangerschaft ist null Promille Alkohol, wie im Autoverkehr. Ganz klar. Und vielleicht noch der Hinweis: Frauen sind heute beim ersten Kinderwunsch häufig älter als noch vor 20 Jahren. Auch dann ist es klug, Alkohol und auch Nikotin auf null zu reduzieren. Das erhöht die Chance, schwanger zu werden.

Interview: Dietmar Kattinger, 11.08.2016